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Zuffenhausener
Soundmachine
Ein Mann sollte drei Dinge
in seinem Leben tun: Einen Sohn zeugen, ein Haus bauen und einen Apfelbaum pflanzen.
Und viertens einmal Porsche 911 fahren. Wir nahmens wörtlich, verzichteten auf
die ersten drei Regeln der Bauernweisheit und fuhren mit dem 911 Carrera 4 Cabriolet,
das im vergangenen Jahr komplett überarbeitet wurde, auf spektakulären Pässen wie dem
Passo dello Stelvio in Südtirol.
Bei Porsche hat man dieser
Tage alle Hände voll zu tun. Die Markteinführung des mit Spannung erwarteten Offroaders
Cayenne steht unmittelbar bevor und der Absatz der beiden Baureihen 911 und Boxster
läuft wie geschmiert. Im vergangenen Geschäftsjahr steigerten die Stuttgarter ihren
Umsatz um gut neun Prozent auf 4,9 Milliarden Euro und schraubten den Gewinn vor Steuern
um 40 Prozent auf 829 Millionen Euro hoch. Damit untermauert der Sportwagenhersteller
seine Stellung als profitabelster Autokonzern der Welt. Bemerkenswert insbesondere
vor dem Hintergrund, das der Absatz mit 54.200 Fahrzeugen gegenüber dem Vorjahr leicht
stagnierte, was in erster Linie auf den vor kurzem überarbeiteten Boxster zurückzuführen ist und weswegen zahlreiche Kunden ihre Kaufabsichten vertagten
bzw. auf die wesentlich teurere Baureihe 911 auswichen.
Samstag Morgen, vier Uhr in der Früh, klingelt mich der Wecker aus dem Tiefschlaf.
Es muss ein ganz besonderer Samstag Morgen sein, denn normalerweise würden mich um
diese unmenschliche Zeit keine zehn Pferde aus dem Bett bekommen. Aber 320 Gäule schon,
insbesondere dann, wenn sie zu einen Porsche 911 gehören und dieser voll getankt vor
meinem Haus auf den Ausritt wartet. Kurz kalt geduscht, schnell noch einen heißen Kaffee
mit Croissant vertilgt und die fürs Wochenende schon fertig gepackte Tasche im mit
100 Liter recht knapp bemessenen Elfer-Kofferraum verstaut. Schlüssel umdrehen und
der Motor haut mit voller Wucht seine Dezibel um die Ohren - ich bin wach, die Nachbarn
jetzt auch. Die Uhr zeigt fünf, als ich am Frankfurter Kreuz auf die A3 Richtung Süden
fahre, der Verkehrsfunk meldet freie Strecke. Sobald das Tempolimit fällt gebe ich
beherzt Gas und bin beeindruckt von der Leichtigkeit, mit der der Porsche davonzieht.
Die Xenonscheinwerfer leuchten das nächtliche Schwarz sehr gut aus und rücken den in
weiter Ferne auftauchenden roten Rückleuchten vorausfahrender Fahrzeug rasch auf. Als
die Autobahn dreispurig wird fasse ich meinen ganzen Mut zusammen und drücke das rechte
Pedal bis zum Bodenblech durch. Die Fünf-Gang-Automatik Tiptronic S schaltet in die
vierte Stufe zurück und beschleunigt den 911 brüllend bis auf 280 km/h, die Tachonadel
zeigt 290 Sachen an. Ich habe das Gefühl in einen Trichter zu fahren da die Straße
scheinbar immer schmaler wird, während der Carrera unbeirrt von Bodenwellen und Querfugen
souverän seine Bahn zieht und ich feucht-heiße Hände kriege. Puls und Herzschlag kommen
zwar nicht ganz an den Hochgeschwindigkeitsbereich heran, doch das klopfen und pochen
in meinen Arterien ist deutlich zu spüren. Ich bin hellwach und konzentriere mich voll
auf den spärlichen Verkehr der beiden anderen Fahrbahnen, die linke Hand immer griffbereit
an Blinker und Lichthupe - natürlich nur für alle Fälle.
Lang halte ich diese Anspannung allerdings nicht aus und entschließe mich für eine
flotte Reisegeschwindigkeit zwischen 220 - 240 km/h. Würzburg und Nürnberg liegen bereits
hinter mir als kurz vor Ingolstadt die Tankanzeige auf sich aufmerksam macht. Die 320
Pferde (235 kW) stehen gut im Futter und geben sich mit Wasser nicht zufrieden. Super
Plus sollte es schon sein, der 64 Liter fassende Tank (inkl. Reserve) ist rasch gefüllt
und trotz nicht ganz freiwilligem Boxenstop erreiche ich den Münchener Autobahnring
schon um halb Acht. Am Tegernsee werde ich wieder zum Stop gezwungen - diesmal allerdings
von meinem Magen, der das früh- morgendliche Croissant offensichtlich mit der gleichen
Speed wie der Sportwagen verdaut hat.
Frisch gestärkt geht es über die Österreichische Grenze nach Innsbruck, jedoch nicht
ohne an der schönen Barock-Kirche bei Hall in Tirol erneut eine kleine Pause einzulegen.
Die Kultur darf schließlich nicht zu kurz kommen- Porsche hin, Porsche her. Die Fahrt
führt weiter über den alten Brennerpass nach Italien, wo mich kurz darauf saftige Wiesen
durchkreuzende Nebensträßchen verführen, die Route für einen Abstecher zu verlassen.
Hier ist der 911 in seinem Element. Die Tiptronic lässt sich bequem per Taster vom
Lenkrad aus bedienen und reagiert blitzschnell und präzise auf meine Befehle. Traktionsprobleme
habe ich auf der leicht feuchten Piste dank Allradantrieb und der elektronischen Fahrdynamik-Regelung
"Porsche Stability Management" (PSM) nicht. Durch die Allradtechnik mit Visco-
Lamellenkupplung bringen die vorderen Räder ständig mindestens fünf Prozent und bei
höherem Bedarf bis zu 40 Prozent der Antriebskraft auf die Straße. Das sehr straffe
Fahrwerk zeigt sich hier von seiner Schokoladenseite und ermöglicht eine extrem sportlich-dynamische
Fahrweise bis in den Grenzbereich. Geringfügige Abweichungen von der Spurtreue oder
beim Anbremsen in Kurven werden von PSM dezent korrigiert. Lediglich bei nasser Fahrbahn
ist deutlich zu spüren, wie die Elektronik dem Sportwagen Einhalt gebietet.
Via Sterzing/Vipiteno geht es weiter über den Jaufenpaß, der mit unzähligen Serpentinen
und zwölfprozentigen Steigungen auf eine Höhe von bis zu 2.094 Meter führt. Mein Carrera
fühlt sich pudelwohl - ich mich auch. Per Tippschalter öffne ich das Faltverdeck in
nur 20 Sekunden und werde vom hereinströmenden Panorama überflutet. Das savannahbeige
Interieur strahlt Wärme und Behaglichkeit aus und kontrastiert harmonisch mit der schwarzen
Außenlackierung. Die Ausstattung des Testwagens ist komplett und lässt keine Wünsche
offen. 18-Zoll-Felgen mit Breitreifen, das Porsche PCM-System mit CD-Radio, Navigation,
Telefon und TV-Funktion, ein Bose High-End-Soundsystem mit zehn Lautsprechern und zusätzlichem
Subwoofer, Leder- Vollausstattung - alles vorhanden. In der Serienausstattung finden
sich Standard-Extras wie Klimaautomatik, elektrische Fensterheber vierfach, Zentralverriegelung
und Alarmanlage mit Innenraum- Überwachung. Seit Modelljahr 2002 gehört jetzt auch
ein Bordcomputer, das Dreispeichen-Lenkrad und ein Cupholder zur Grundausstattung.
Neu ist auch ein beleuchtetes Handschuhfach, das sogar einen Auto-Atlas aufnehmen kann.
Den zentralen Drehzahlmesser fest im Blick scheuche ich den Porsche von einer Kehrtwende
zur anderen. Am liebsten möchte ich nur im ersten Gang fahren, da hier der Motorsound
am kernigsten klingt, doch auch im zweiten ist der Elfer akustisch präsent. Bei jeder
Tunneldurchfahrt mache ich mir einen Spaß daraus und schalte wieder zurück - die Trompete
röhrt erbarmungslos mit tiefem Hall. Der Tag vergeht viel zu schnell und ich suche
mir ein Quartier in der Nähe von Merano. Früh am Abend falle ich erschöpft aber glücklich
in mein Bett, hausgemachte Pizza und ein Glas süffiger Vino rosso tun ihr übriges.
Am nächsten Morgen beginnt nach einem ausgiebigen Frühstück frisch gestärkt die zweite
Etappe zum legendären Passo dello Stelvio - dem Stilfser-Joch. Hier erwartet mich neben
der grandiosen Aussicht eine der spektakulärsten Gebirgsstraßen Europas. Internationale
Autoindustrie sowie Fachpresse kommen regelmäßig zum Bremsentest in den Nationalpark,
der Mensch und Maschine viel abverlangt. In Scharren angereiste Motorradcliquen quetschen
ihre Mopeds am Berg bis aufs letzte aus und fachsimplen am 2.757 Meter hohen Gipfel
bei Bratwurst mit Sauerkraut und heiß dampfenden Kaffee. Das 911 Cabrio meistert Kurve
für Kurve souverän und zeigt sich äußerst agil. Schnelle Überholmanöver auf den kurzen
Geraden meistert er bravourös und das scharfe hineinbremsen in enge Kurven scheint
zu seinen leichtesten Übungen zu gehören, während das Heck dort bleibt dort wo es hingehört.
Die Bremsanlage mit einem Scheibendurchmesser von 318 Millimeter an der Vorderachse
und 299 Millimeter an der Hinterachse liefert hervorragende Verzögerungswerte ohne
jegliche Fadingerscheinungen. Die Breitreifen im Format 225/40 ZR 18 vorn und 285/30
ZR 18 hinten räubern gnadenlos über den Asphalt und haben keine Mühe, das maximale
Drehmoment von 370 Nm bei 4.250/min des 3,6-Liter- Sechszylinder-Boxermotors zu übertragen.
Der Rückweg führt über den Umbrail-Pass kurz auf Schweizer Gemarkung und weiter zum
Reschensee, aus dem die berühmte Kirchturmspitze hinausragt und der seit seiner Aufstauung
zum beliebten Touristenziel avancierte. Via Landeck geht die Fahrt schließlich nach
Imst und über das schöne Hochtenn-Joch, das im Gegensatz zum Fernpass nur wenig befahren
ist. Auf der A7 Füssen-Würzburg kann ich dann noch einmal nach Herzenslust Gas geben
und lasse das nun langsam zu Ende gehende Wochenende Revue passieren. Zwei Tage, vier
Länder, 1.500 Kilometer und viele Stunden nicht messbares Fahrvergnügen. Schade nur,
das ich mir den Elfer mit rund 108.000 Euro (Grundpreis: 90.132 Euro) in absehbarer
Zeit nicht werde leisten können. Vielleicht sollte ich zumindest mit dem Pflanzen eines
Apfelbaumes beginnen. (dio)
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Fotos: A. Setiawan

















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